1-1 Allianz

Kapitel 1.1
Allianz mit Frankreich



Maria Antonia Anna Josepha Johanna, Erzherzogin von Österreich, kam 2. November 1755 als 15. und vorletztes Kind des Kaiserpaares Franz I. Stephan (1708-1765) und 
Maria Theresia (1717-1780) zur Welt.

Während der Schwangerschaft hatte Maria Theresia im Herbst 1755 mit dem Herzog von Tarouca, ihrem Ratgeber und Mentor, um das Geschlecht des Kindes gewettet. Der Herzog sagte ihr einen Erzherzog voraus, Maria Theresia selbst tippte auf eine Tochter. Gewettet wurde um zwei Dukaten.
Nun erblickte ein Mädchen das Licht der Welt; Maria Theresia hatte die Wette gewonnen. Galant überreichte der Herzog ihr den Wetteinsatz - zusammen mit einem Porzellanbild, auf dem die Verse Metastasios geschrieben waren:

Io perdei: l'augusta figlia
A pagar m'a condannato;
Ma s'e ver che a voi somiglia,
Tutto il mondo ha guadagnato.

zu deutsch:
Ich habe verloren: die erhabene Tochter
hat mich zu zahlen verurteilt.
Doch wenn es wahr ist, dass sie Ihnen gleicht,
so hat die ganze Welt gewonnen.

Die Kaiserliche Familie auf der Schönbrunner Schloßterrasse (1755, Martin van Meytens, der Jüngere)

Die Taufpaten der kleinen Erzherzogin waren König Joseph I. und Königin Marie Anne Victoire von Portugal. Vertreten wurden die Taufpaten von Maria Antonias Geschwistern Erzherzog Joseph und Erzherzogin Maria Anna.
Zum Zeitpunkt der Taufe war in Wien noch nicht bekannt, welches Unheil am Tag vor der Geburt der kleinen Erzherzogin über Portugal, dem Heimatland der Taufpaten, hereinbrach: am 1. November riss das schlimmste Erdbeben seit Menschengedenken in Lissabon binnen weniger Minuten 50.000 Menschen in den Tod. Das Unglück wird gern als böses Omen für das Leben Maria Antonias angesehen...

Am ersten und zweiten Tag nach der Geburt fand in Wien "Große Gala" statt, am dritten Tag die "Kleine Gala". Die Feste waren glanzloser als sonst, der Kaiser speiste diesmal nicht öffentlich. Gründe hierfür mögen die Tatsachen sein, dass das Neugeborene "lediglich" ein Mädchen war und zudem bereits das 15. Kaiserkind. Auch Maria Theresias Gesundheit könnte ein Grund gewesen sein. Die Kaiserin war lange nach der Geburt Maria Antonias schwach. Ihr erstes öffentliches Auftreten - der traditionelle "Hervorgang" - erfolgte erst am 14. Dezember 1755.

Von ihrer Familie wurde Maria Antonia auch Antonia, Antoinette, Toinette oder Tonerl genannt.
Ihre Kindheit verbrachte Antonia weitgehend unbeachtet, aber glücklich am elterlichen Hof, im Kreis einer großen Familie in ungezwungener Atmosphäre. Die Wiener Hofburg sowie die Schlösser Schönbrunn und Laxenburg, dem Feriendomizil der Kaiserfamilie, waren das Zuhause der kleinen Erzherzogin. Eine steife Etikette existierte hier nicht.

Die Erziehung Anoinettes verlief wenig erfolgreich - war die Mutter in manchen Dingen zu streng, entgegnete ihr der Vater mit zuviel Nachgiebigkeit.
Mit ihrer vorwitzigen Art, ihrem Charme und Geschick gelang es dem Mädchen, sich hin und wieder ihren Lehrern zu entziehen. Und während Maria Antonia das Lesen, Rechnen und Schreiben weniger schätzte, liebte sie umso mehr den Tanz, das Theater und stand besonders gern selbst auf der Bühne.

Marie Antoinette als Baby (1756) Marie Antooinette (1762, Jean-Etienne Liotard)
Marie Antoinette mit Brüdern Ferdinand und Maximilian (1765, Johann Georg Weickert)

Am 18.08.1765 starb Antonias Vater, Kaiser Franz I. Stephan, an den Folgen eines Schlaganfalles.
Die gerade erst 10-jährige Maria Antonia, die ihren Vater abgöttisch liebte, trauerte sehr um diesen Verlust.

Auf Betreiben des französischen Außenministers Étienne-François, Duc de Choiseul d'Amboise (1719-1785), begannen im Jahre 1768 die konkreten Vorbereitungen für eine Heirat des französischen Dauphins Louis-Auguste (dem späteren Louis XVI. von Frankreich, 1754-1793) mit Erzherzogin Maria Antonia. Diese Vermählung sollte den Frieden zwischen den beiden bisherigen Erzfeinden Frankreich und Österreich besiegeln.
Bereits 1762 plante Choiseul diese - wie er sie nannte - "Allianz des Südens". Grund war das immer stärker und für Frankreich immer gefährlicher werdende England. Im Zwist mit England verlor Frankreich diverse Gebiete an diesen übermächtigen Gegner.
Ein Bund zwischen Frankreich, Spanien und Österreich sollte dem Ungleichgewicht ein Ende bereiten. Und so war Frankreich gezwungen, die seit jeher bestehende Abneigung gegen das Haus Habsburg über Bord zu werfen und stattdessen auf Freundschaft zu drängen.
Choiseul war sich bewusst, dass Verträge allein hier nicht ausreichen würden. Ein Blutsbündnis müsse her, der die großen Königsfamilien für die Zukunft vereint.

Die geistreiche Madame Geoffrin (1699-1777) machte 1766 auf ihrer Reise nach Warschau Halt in Wien und wurde von Maria Theresia und Kaiser Joseph II. herzlich empfangen. Bei diesem Empfang wurde sie auch der Maria Antonia vorgestellt. Begeistert berichtete Madame Geoffrin in die Heimat, die kleine Erzherzogin sei "schön wie ein Engel". Gegenüber Maria Theresia meinte sie scherzend, sie wolle sie mit nach Paris nehmen, worauf die Kaiserinmutter ausrief: "Nehmen Sie sie mit !"

Umgehend wurde nun besonderes Augenmerk auf die Erziehung der jungen Dame gelegt, um diese gezielt auf ihre Rolle als zukünftige Königin von Frankreich vorzubereiten:
Maria Theresia wachte höchstpersönlich über die Erziehung und den Unterricht ihrer Tochter, lehrte Marie Antoinette gar selbst das Schreiben.
Die französischen Schauspieler Aufresne und Sainville beauftragte sie, Maria Antonia in den Feinheiten der französischen Aussprache und Deklamation sowie im Gesang zu unterrichten.

Zudem sorgte die Mutter dafür, dass Maria Antonia künftig von alledem umgeben war, das sie auf Paris und Versailles vorbereitete: französische Bücher, die Pariser Mode, ein französischer Coiffeur und diverse französische Lehrer. So z.B. erteilte der Abbé Matthieu-Jacques de Vermond, ein französischer Gelehrter, ihr Französischunterricht. Vermond berichtete nach Versailles von der Schönheit Maria Antonias, von deren Grazie beim Tanz und vom Erfolg des Unterrichts durch den Franzosen Noverre. Jean-Georges Noverre, einer der besten Ballettmeister jener Zeit, zeigte der Erzherzogin, wie man sich am französischen Hof richtig bewegte.

Das Klavierspiel hingegen übte Maria Antonia mit dem deutschen Komponisten Christoph Willibald Gluck.

Der Brief des Abbé de Vermond vom 14.10.1768 an den Grafen von Mercy zeigt wohl recht deutlich, wie kompliziert es war, Maria Antonia zur Konzentration auf die Unterrichtinhalte zu bewegen:
"Ich verwandte sechs Wochen auf die Grundlagen der Schönen Künste. Sie begriff sehr gut, wenn ich ihr die Ideen als solche darlegte (...) aber ich konnte sie nicht dazu bringen, in einen Gegenstand tiefer einzudringen, obwohl ich das Gefühl hatte, sie sei dazu fähig. Ich bilde mir ein, gesehen zu haben, dass man ihren Verstand nur beschäftigen kann, indem man ihn amüsiert."


 



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