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Kapitel 1.3
Der Brautzug nach Frankreich



Nun wurde die Abreise der jungen Braut von Wien nach Versailles vorbereitet.
Die Organisation des Brautzugs von Wien bis zur Übergabe auf einer Rheininsel bei Kehl lag in österreichischer Verantwortung, während Frankreich für die Weiterreise von Straßburg bis zum Versailler Hof verantwortlich war.

Abschied Maria Antonias von ihrer Mutter Maria Theresia

Der Abschied fiel Maria Antonia wahrlich schwer. Kaiserin Maria Theresia versuchte, ihr weinendes Kind mit folgenden Worten zu beruhigen:
"Seien Sie gut zu dem französischen Volk, damit man sagen kann, ich hätte ihm einen Engel geschickt."

Die 14-Jährige verabschiedete sich also am 21.04.1770 von ihrer Mutter und den Geschwistern und trat gegen 9:00 Uhr morgens mit einem imponierenden Brautzug die lange Reise nach Frankreich an.

Auf ihrem Weg in die neue Heimat wurde sie von Fürst Georg Adam Starhemberg, dem österreichischen Gesandten am französischen Königshof, begleitet. Zum mitreisenden Hofstaat gehörten zudem die Obrist-Hofmeisterin, Kammerfräulein und Hofdamen sowie die kaiserlich-königlichen Kammerherren - jeweils mit Dienern und Hofpersonal. Hinzu kamen 76 Personen des Hofwirtschaftpersonals und 36 Personen vom Hofamtspersonal.
Eine Übersicht über den Umfang des Brautzugs findet sich 
hier.

Der Brautzug fuhr die Donau entlang und gelangte über München und Augsburg u.a. auch nach Günzburg, Ulm und Freiburg im Breisgau.
Die Reiseroute mit ihren 17 Tagesstrecken und 16 Nachtstationen war akribisch ausgearbeitet worden. Die Brautreise dauerte von Wien nach Paris ganze 24 Tage und war für die Bewohner der Ortschaften, durch die der Zug von 57 meist sechsspännigen Wagen fuhr, eine wahre Sensation. In den Städten, durch die Erzherzogin Maria Antonia mit ihrem Gefolge fuhr, herrschte helle Aufregung.

23./24.04.1770... Lambach (Österreich)

Der Brautzug hielt am 23.04.1770 Einzug in Lambach. Die Erzherzogin übernachtete hier im Stift Lambach.
Zu Ehren Maria Antonias wurde am 23.04.1770 das Stück "Kurzweiliger Hochzeitsvertrag" aufgeführt.

Titelseite des Programmhefts zur Aufführung "Kurzweiliger Hochzeitsvertrag" im Stift Lambach

München

In München verbrachte die Dauphine den Aufenthalt im Schloss Nymphenburg. Als persönlicher Rückzugsort stand ihr dort das Rokoko-Schlösschen Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark zur Verfügung.

28./29.04.1770... Station in Augsburg

Am 28.04.1770 erreichte der Brautzug die Stadt Augsburg und machte dort Station.
Im Festsaal des Augsburger Rokoko-Schaezlerpalais’ tanzte Maria Antonia zur Einweihung des neuen Saales.

Ball im Liebert´schen Palais in Augsburg zu Ehren der Erzherzogin (F. Th. Weber)

Das 1765-70 erbaute Palais ist vor allem wegen dieses Festsaals berühmt, der 1770 mit dem Ball für die Erzherzogin feierlich eröffnet wurde:
Es war, an jenem 28.04.1770, die Augen des Publikums leuchteten. Der Schein der Kerzen brach sich in den silbrigen Spiegeln des Festsaals, flackerte über feinen Rocaille-Stuck in Weiß und Gold, illuminierte den al fresco gemalten Himmel darüber. Man hatte sich in große Garderobe geworfen.
Augsburgs Schneider und Perückenmacher mussten in den vergangenen Wochen und Monaten Überstunden absolvieren.
Dem Bankier Benedikt Adam Liebert von Liebenhofen war es mit Hilfe allerlei diplomatischer Winkelzüge geglückt, die Hoheit zum Besuch seines gerade fertiggestellten Stadtpalasts zu bewegen. Eine Kaisertochter und künftige Königin in den vier Wänden eines Geldmannes, dessen adliger Stammbaum nicht weiter als bis zum eigenen Vater zurückreichte - so etwas hatte es seit den Tagen Jakob Fuggers in Augsburg nicht mehr gegeben.
Der Aufwand, den Liebert, der klassische Neureiche, trieb, war wahrhaft königlich gewesen. Der Bankier hatte eine Crew von Künstlern ersten Ranges zusammengebracht. Das Heer der Maurer und Maler, der Stukkateure, Ebenisten und Kistler hatte fieberhaft gearbeitet, damit alles zum Besuch der Kaisertochter fertig war.

Als Maria Antonia endlich, begleitet von einer vielköpfigen Entourage, die breite Treppe zum ersten Stock hinauf schritt, muss es noch nach Gips und Farbe gerochen haben.
Fünf, sechs Menuette geruhte der erhabene Gast hier zu tanzen.
Am anderen Morgen wurde angespannt und über Günzburg und Marchtal ging die Reise weiter.
Ihr Besuch hat in Lieberts Stadtpalast, dem nach einem späteren Besitzer Schaezlerpalais genannten Rokoko-Bau an Augsburgs Maximilianstraße, bis heute seinen Erinnerungsort. Der Bau ist eines der eindrucksvollsten Zeugnisse der Profanarchitektur des süddeutschen Spätbarock.

29.04.-01.05.1770... Günzburg

Hier erfolgte ein mehrtägiger Aufenthalt, angeblich mit Unterbringung im heutigen Hotel "Goldener Löwe".
Glänzende Tage erlebte die Stadt, die damals "Klein Wien" genannt wurde, als sich Maria Antonia auf ihrer Brautfahrt für mehrere Tage hier aufhielt.

Angekommen am 29.04.1770, legte die Reisegesellschaft am 30.04 einen Ruhetag ein, bevor der Brautzug am 01.05.1770 fortgeführt wurde.

Ulm

???

01.05.1770... Oberdischingen (Durchreise)

Der Brautzug passierte am 01.05.1770 den Ort Oberdischingen.
Zu Ehren von Maria Antonia und zur Begrüßung des "schönsten Brautzuges" wurde die Kastanienallee angelegt.

01./02.05.1770... Station in Obermarchtal

Als Maria Antonia auf ihrer Reise am 01.05.1770 in der kleinen Gemeinde im Alb-Donau-Kreis das Kloster Obermarchtal besuchte, wurde ihr zu Ehren Sebastian Sailers Huldigungskantate "Beste Gesinnungen Schwäbischer Herzen" aufgeführt. In dem amüsanten Stück wechseln pathetische hochdeutsche Verse von Marchtalls Genius und der Liebe mit schwäbischen der vier Bauern Theißle, Joackele, Veitle und Michel und des Chors.

Der südöstliche Pavillon des Klosters wurde als Logis für Marie Antoinette gebaut.
Bis ins kleinste Detail war alles geregelt. Die Straße von Ehingen über Riedlingen und Meßkirch nach Stockach wurde ausgebessert und trug fortan den Namen "Dauphine". Die Männer der Bürgerwehren bekamen neue Uniformen, durften sich die Haare nicht mehr schneiden, denn diese wurden in einen langen "Militärzopf" gebunden und seitlich an den Schläfen zu "Boucles" aufgerollt. Exakt zwei Monate lang durften sie sich nicht mehr rasieren, damit der Schnurrbart zur richtigen Länge heranwuchs.

Maria Antonia reiste mit ihrem Hofstaat von über 250 Gefolgsleuten von Günzburg über Ulm, wo sie ebenfalls Station machte, nach Obermarchtal.
Dort tafelte die Gesellschaft festlich und schaute anschließend der Aufführung von Sebastian Sailers Festspiel zu. Sebastian Sailer (1714-1777) war Mönch in Obermarchtal, begabter Prediger und gerühmter Verfasser bäuerlich-derber Komödien.
Mit bissigem Humor verwies er Maria Antonia auf die Mühen, die die Fronarbeit beim Straßenbau - ihr zur Ehren - mit sich gebracht hatte:

S’Wegmacha ischt a baisa Sach,
koi Arbet ischt so schlimm:
Ma hot koi Haus, ma hot koin Dach,
und’s Fuatter isch so glimm...

Als der zuständige Pfarrer seinen zwangsarbeitenden Bauern mitteilte, dass die Straße für die Tochter Maria Theresias gebaut wurde, waren sie jedoch voller Freude und Jubel, so berichtete jedenfalls Sebastian Sailer.
Ob das Festspiel der Erzherzogin gefallen hat, ist leider nicht überliefert. Sie reiste am nächsten Tag (02.05.1770) weiter.

Auf einem Klosterprospekt jener Zeit ist die "Wohnung der Österreichischen Erbprinzessin und Königin Frankreichs" eigens eingezeichnet worden.

02./03.05.1770... Station in Stockach

Am 20.03.1770 beschloss das Stockacher Magistrat, dass die Straße, über die Maria Antonia kommen sollte, instandgesetzt werden müsse.
Aus den Nachbarorten liehen sich die Stockacher Böllerschüsse, um die künftige Königin gebührend zu empfangen, sechs Ochsen und 80 Brote standen für Maria Antonias Tross bei den Stockacher Metzgern zur Verfügung und sogar das Rathaus wurde saniert.
Am 09.04. dann mussten noch mehr Stockacher ran: Alle Häuser mussten geweißelt werden, wer es unterließ, war um fünf Pfennig ärmer. Das ist mehr Geld, als man heute denkt. Wien ordnete an, dass die Bürger bei der Ankunft von Maria Antonia Spalier zu stehen hätten.

Am 02.05.1770 kam die Erzherzogin von Obermarchtal (vorherige Station) über Mengen und Zoznegg weiter über die Besetze und die heutige Meßkircher Straße nach Stockach und übernachtete im "Gasthaus zum Weißen Kreuz" (Ecke Hauptstraße/Pfarrgasse), das später Polizeigebäude und schließlich Einzelhandelsstandort wurde.

Prominente Gäste waren früher nicht immer eine lohnende Sache:
Die Stockacher mussten für den Empfang der teuren Österreicherin vom heutigen Weingarten (bei Ravensburg) insgesamt 2.000 Gulden Schulden aufnehmen.

Nach der Übernachtung in Stockach zog Maria Antonia am 03.05.1770 mit ihrem Gefolge weiter durch Nenzingen, Eigeltingen, Aach, Engen und Geisingen.

03./04.05.1770... Station in Unadingen oder Donaueschingen

Es ist nicht ganz widerspruchsfrei klar, ob Maria Antonia tatsächlich in Unadingen schlief... oder doch nur ein Teil ihres Gefolges... oder ob sie lediglich nun hindurch fuhr.
Fest steht jedoch:
Im Dezember 1769 unterrichtete der spätere Kaiser Josef II. den Fürsten Josef Wenzel zu Fürstenberg über den beabsichtigten Brautzug seiner Schwester Maria Antonia von Wien nach Paris. Als Nachtstation war das fürstliche Schloss zu Donaueschingen vorgesehen.
Der Brautzug der Kaisertochter traf, von der Nachtstation Stockach über Engen kommend, am Abend des 03.05.1770 in Donaueschingen ein.
In der Frühe des 04.05. setzte sich das Geleit in Richtung Freiburg in Bewegung. Es bestand aus der von 6 Lipizzanerschimmeln gezogenen weiß-goldenen Karosse mit der Thronfolgerin von Frankreich und weiteren 21 Sechsspännern der Hohen Herrschaften. Ihnen folgte in 57 Kaleschen (leichte Kutschen mit Faltverdecken) und Wagen mit 450 Reit- und Zugpferden das Gefolge mit 250 Personen.

Die Ortsvögte hatten Anweisung erhalten, ihre Bewohner nicht haufenweise nach Donaueschingen zu lassen. Sie sollten sich in oder bei ihren Dörfern beiderseits der Straße in einheitlicher Tracht aufstellen: die Burschen in rotem Wams, die Männer in grauen Röcken und die Mädchen mit Schäppeln oder Brautkränzen.

04.05.1770... Hinterzarten

Im bereits 1347 urkundlich genannten Rasthaus "Weiße Rößle", das zu den ältesten Gaststätten Deutschlands zählt, machte Maria Antonia Halt.
Das Bauernvolk von weither stand Spalier, als sie 1770 auf der eigens für sie erneuerten und ausgebauten Straße in prunkvollem Zuge einkehrte.

04.-06.05.1770... vorletzte Station auf deutschem Boden: über das "Höllental" nach Freiburg im Breisgau

Von Donaueschingen kommend, traf Maria Antonia am frühen Nachmittag des 04.05.1770 in Freiburg ein. Der Weg zwischen Donaueschingen und Freiburg im Breisgau, der durch das (heute "Höllental" genannte) Falkensteiner Tal, führt, wurde erstmals und extra für die Kutsche und den umfangreichen Brautzug von Maria Antonia straßenartig ausgebaut.
Hier schlug die große Stunde des "Hofguts Sternen", früher als "Wirtshaus unter der Steig" bezeichnet, als der Brautzug im alten Gasthaus kurzfristig Halt machte und den Reisenden in dieser Kulisse sicher ein herrliches Schauspiel barocker Prachtentfaltung bot.

Auf diesem alten, für sie extra ausgebauten, Fahrweg reiste (nebst anderen Mutigen) also die österreichische Kaiserstochter. Diese Gegend des Schwarzwaldes war damals österreichisch - in Freiburg, der nächsten Station, glücklich angekommen, servierte man Maria Antonia übrigens einen Wiener Rostbraten im Schwarzwälder Stil.
Das war zeitlebens ihr letztes österreichisches Essen.

Vom 04. bis 06.05.1770 machte der Brautzug Maria Antonias dann mit einem längeren Aufenthalt in Freiburg ein vorletztes Mal auf deutsch-österreichischem Gebiet Station.
Die Ankunft des Brautzuges aus Wien wurde bei der Passage in Kirchzarten und Ebnet mit Böllerschüssen angekündigt. Begleitet vom Läuten der Glocken erfolgte am 04.05.1770, um 15Uhr, der Einzug in Freiburg durch das Breisacher Tor (heute: Ecke Gartenstraße/Rempartstraße).
Der Magistrat der Stadt begrüßte die Gäste und begleitete sie bis zum Quartier im Kageneck’schen Haus.

In der Kaiserstraße war, etwa 25 Schritte vom Fischmarkt entfernt (heute: Bertoldsbrunnen), eine, in Anspielung auf den Konstantinbogen in Rom, entworfene Ehrenpforte der breisgauischen Landstände errichtet. Zwischen ihr und dem Martinstor war ein Infanteriebataillon postiert. Bürgerkompanien hatten den Weg zuvor Spalier gebildet:

Ehrenpforte der Landstände

Die Ehrenpforte des Magistrats der Staat Freiburg war am Christoffelstor (heute: Siegesdenkmal) postiert und schloss die Achse Kaiserstraße nach Westen ab:

Ehrenpforte des Magistrats Freiburg

Eine dritte Ehrenpforte wurde von der Universität vor deren Hauptgebäude am Franziskanerplatz (heute: Rathaus/Rathausplatz) aufgestellt:

Ehrenpforte der Universität Freiburg

Es folgten der Empfang der Standespersonen und ein Essen.
Bereits um 17Uhr begann das Festprogramm im ständischen Komödiensaal (heute: Buchhandlung Rombach).
Am Abend war die Stadt festlich illuminiert: die öffentlichen Gebäude und die Ehrenpforten waren mit Lämpchen und Lichtern erhellt. Ein Nachtessen beschloss den Tag.

Illumination des Freiburger Münsters zu Ehren Maria Antonias

Das Programm am 05.05.1770 begann mit einem Festgottesdienst im Münster. Es folgten die Überreichung der Ehrengaben der Stadt, Tanzvorführungen, der programmatische Festzug der Studenten (allegorische Darstellung der Jahreszeiten), Abnahme von Paraden und Deputationen, Theater- und Ballettvorstellungen und abschließend eine Besichtigung der nächtlich beleuchteten Ehrenpforten.

Am 6. Mai erfolgte dann mit Geleitzügen die Weiterreise zum Kloster Schuttern.

Übrigens:
Sieben Jahre später, im Jahre 1777, zog Maria Antonias Bruder Kaiser Joseph II. als einfacher Reisender (incognito als Graf von Falkenstein bzw. Comte de Falckenstein) durch das gleiche Tor in Freiburg ein, als er von einem Besuch bei seiner Schwester in Paris zurückkam.

An den Aufenthalt der Kaisertochter in Freiburg erinnert heute nur noch wenig:
Das Kageneck’sche Haus wurde im Krieg zerstört und verändert wieder aufgebaut (Ecke Salzstraße/Drehergasse). In der Abendmahlkapelle des Münsters hängt eine silberne Ewiglichtampel, die auf vergoldeten Medaillons Maria Theresia und ihre 16 Kinder zeigt. Die Öllampe krönen zwei verbundene Herzen, die Louis' und Marie Antoinettes Namen tragen.
Vier Tage vor der Ankunft in Freiburg stiftete Maria Antonia diese Ampel an die Wallfahrtskirche Maria Königinbild in Burgau bei Günzburg. Nach der Aufhebung der Wallfahrt durch ihren Bruder Joseph II. kam die Ampel 1789 ins Freiburger Münster.

06.05.1770... Emmendingen

Hier war die Erzherzogin zu Gast im Gasthaus "Krone-Post", bevor es anschließend über Kenzingen im Breisgau (Durchreise) weiter nach Schuttern ging.

06./07.05.1770... Maria Antonias letzte Station auf deutschem Boden: das Kloster Schuttern in der Ortenau

Weithin sichtbar ist der hohe Kirchturm der ehemaligen Klostergemeinde Schuttern. Die Ortschaft Schuttern (heute: Ortsteil der Gemeinde Friesenheim) beherbergte einst das älteste Kloster am Oberrhein. Die Gemeinde liegt zwischen Offenburg und Lahr. Bis zur ehemaligen Bischofsstadt Straßburg sind es nur knapp 30 km.
Nur die Kirche mit dem weithin sichtbaren barocken Turm, das Refektorium, das heute als Pfarrhaus dient, und Stücke der Klostermauer sind von dem tausendjährigen Kloster am Oberrhein übrig geblieben.

Am 06.05.1770 rückte dieses Kloster plötzlich ins Blickfeld Europas, als Maria Antonia dort ihre letzte Nacht auf deutschem Boden verbrachte.
Bereits im Dezember 1769 war das Kloster benachrichtigt worden, dass die junge österreichische Erzherzogin und Dauphine Frankreichs in Schuttern übernachten würde. Abt Carolus Vogler hatte keine leichte Aufgabe zu bewältigen, galt es doch, einen riesigen Brautzug unterzubringen.
Das Kloster musste renoviert werden, Bettstatten und Stühle wurden gekauft, Tücher, Baldachine, Vorhänge, Spiegelwandleuchter, Lavoirs, Gläser, Karaffen, Fayencen, Deckbetten, Matratzen und vieles mehr musste angeschafft werden. Das Kloster wurde in einem Gewaltakt zu einem sehr aufwendig ausgestalteten barocken Herrscherpalast umgewandelt. Das Rastatter Hoforchester mit 28 Musikern wurde geordert.

Kloster Schuttern (F.X. Schönbachel)

Die Brautreise von Wien nach Paris war für die gastgebenden Städte und Klöster eine sehr kostspielige Angelegenheit. Als Abt Vogler alle Aufwendungen und Rechnungen addiert hatte, ergab sich der riesige Betrag von insgesamt 15.086 Gulden und 50 Kreuzern.
Folgende Übersicht über die Auslagen des Klosters Schuttern sowie über das bis zur Übergabe an Frankreich benötigte Personal ist erhalten geblieben: 
klick.

Der Brautzug, bestehend aus Fürsten, Grafen, Gräfinnen, Hofdamen, Lakaien, Knechten und dem persönlichen Beichtvater der Braut, zog am frühen Nachmittag des 06.05.1770 durch das große Tor des Klosters ein.
Die Bevölkerung stand Spalier, Glockengeläut des Schutterner Domes und Kanonensalut begrüßten den hohen Besuch. Der Abt, begleitet von allen Kapitularen sowie den Unter- und Oberbeamten der Abtei, empfing die junge Braut mit der tiefsten Verehrung.
Nach einer Ruhestunde im extra eingerichteten, prächtigen, eigenen Gemach, fand im Audienzsaal der Empfang statt. Der Abt und sämtliche Kapitularen und die Beamten wurden zum Handkuss zugelassen.

Das Fest fand seinen Höhepunkt mit einer Illumination der ganzen Klosteranlage mit übereinander stehenden Ampeln, vielen Fackeln und einem im Kunstfeuer brennenden Adler. Für das Feuerwerk musste eigens ein großes Gerüst errichtet werden. Nach dem prachtvollen Feuerwerk, das alle Besucher zu wahren Begeisterungsstürmen hinriss und die Dauphine aufs Höchste entzückte, geruhte ihre königliche Hoheit sich zur Nachttafel zu begeben.

Am nächsten Morgen wohnte Maria Antonia der heiligen Messe in der Hauskapelle bei und zog dann unter dem Geläut der Glocken nach Kehl weiter.
Als Dank für die großzügige Beherbergung des Brautzuges erhielt Abt Carolus Vogler von der Dauphine ein mit Diamanten besetztes Brustkreuz. Nach 36 Jahren, als Napoleon das Kloster Schuttern aufhob und dem Land Baden zuschlug, wurde dem Kloster auch dieses teure Diamantenkreuz abverlangt.

Nördlich der Ortschaft Schuttern überspannt eine kleine Bogenbrücke den Bachlauf der Schutter. Über diese Brücke rollte der große Brautzug, die Brücke hat im Volksmund heute noch den Namen "Marie-Antoinette-Brücke".

Der Brautzug der künftigen französischen Königin wurde von Johann Wolfgang Goethe, der damals als junger Student in Straßburg weilte, in seinem Buch "Dichtung und Wahrheit" beschrieben:
"Eine merkwürdige Staatsbegebenheit setzte alles in Bewegung und verschaffte uns eine ziemliche Reihe Feiertage. Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich, Königin von Frankreich, sollte auf ihrem Weg nach Paris über Straßburg gehen. Der schönen und vornehmen, so heiteren als imposanten Miene dieser jungen Dame erinnere ich mich noch recht wohl. Sie schien, in ihrem Glaswagen uns allen vollkommen sichtbar, mit ihren Begleiterinnen in vertraulicher Unterhaltung über die Menge, die ihrem Zug entgegenströmte, zu scherzen.
Abends zogen wir durch die Straßen, um die verschiedenen illuminierten Gebäude, besonders aber den brennenden Gipfel des Münsters zu sehen, an dem wir sowohl in der Nähe als in der Ferne unsere Augen nicht genugsam weiden konnten. Die Königin verfolgte ihren Weg; das Landvolk verlief sich, und die Stadt war bald ruhig wie vorher. Vor Ankunft der Königin hatte man die ganz vernünftige Anordnung gemacht, dass sich keine missgestalteten Personen, keine Krüppel und ekelhafte Kranke auf ihrem Weg zeigen sollten."

Es heißt, dass mit der Übernachtung der Dauphine in Schuttern - dem bedeutendsten Tag in der langen Geschichte der Abtei - auch der Untergang der Abtei seinen Anfang genommen habe. Besiegelt wurde dieser jedoch erst im Jahre 1805 in Ulm, nur wenige Wochen nach dem entscheidenden Sieg Napoleons über die Österreicher.
In Schuttern erschien am 17.12.1805 ein Kommissar der neuen Obrigkeit und verkündete das Ende des Stiftes Schuttern.

07.05.1770... Übergabe auf neutralem Boden: eine Rheininsel zwischen Kehl und Straßburg

Nach dem beeindruckenden Brautzug quer durch Süddeutschland überquerte die Dauphine am 07.05.1770 bei Kehl den Rhein und wurde auf einer unbewohnten Rheininsel "auf neutralem Gebiet" von ihrem zukünftigen Hofstaat in Empfang genommen. Hier markierte ein mit kostbarem Mobiliar und Teppichen ausgestatteter Pavillon die Grenze zwischen Maria Antonias alter und neuer Heimat.

Von Osten kommend betrat die Erzherzogin den österreichischen Teil des Pavillons.
Noch vor der Übergabe der jungen Braut an den französischen Hofstaat wurde Maria Antonia komplett entkleidet, damit die künftige französische Königin nichts, auch nicht Hemd oder Strümpfe, von einem fremden Hofe mitbrachte. Für einen Moment stand das zitternde Mädchen völlig nackt vor ihrem alten Hofstaat, wurde jedoch augenblicklich mit französischem Tuch, französischer Spitze, französischen Strümpfen und französischen Schuhen neu eingekleidet - eine Zeremonie, die die Wandlung von der Österreicherin zur Französin symbolisieren sollte.

Fürst Starhemberg, der die Erzherzogin auf ihrem Brautzug seit Wien begleitete, führte diese nun in den zentralen Saal des Pavillons. Dort erwartete sie bereits die französische Abordnung zur schriftlichen und praktischen Übergabe.
Und während der Fürst Starhemberg die junge Braut an den Comte de Noailles (außerordentlicher Gesandter des Königs für den Empfang der Dauphine) sowie an den Kabinettsekretär des Königs und den Ersten Beamten des Ministeriums des Äußeren übergab, zog sich der österreichische Hofstaat symbolisch zurück.
Ein entgültiger Abschied war dies jedoch noch nicht, sondern nur der symbolische - die österreichische Delegation folgte seiner Erzherzogin später noch bis nach Straßburg.

Der Comte de Noailles führte Maria Antonia anschließend zu den Repräsentanten des französischen Hofes und stellte dem Mädchen ihren Ehrenkavalier, Comte de Saulx-Tavannes, sowie ihre neue französischen Oberhofmeisterin Madame de Noailles vor.
Die Comtesse de Noailles machte ihren neuen Schützling ihrerseits dann mit den restlichen Personen des neuen Haushalts bekannt.

Der feierliche Akt der Übergabe endete schließlich mit dem Auszug Maria Antonias durch das nach Frankreich geöffnete Portal des Pavillons.
Hier verlor die junge Prinzessin schließlich die Fassung und blickte erschüttert zum österreichischen Teil hinüber:
"Nie werde ich mein Vaterland wiedersehen..." brach es schluchzend aus ihr hervor. Doch schnell besann sie sich, entschuldigte sich bei der französischen Delegation und ergänzte, dass ihre Tränen ihrer Familie und der alten Heimat galten:
"Ab jetzt werde ich nicht vergessen, dass ich von nun an Französin bin!"

Das vom Zeremoniell eingeschüchterte Mädchen bestieg sodann den königlichen Wagen und hielt bald darauf Einzug in Straßburg.

07./08.05.1770... Straßburg

In Straßburg betrat Maria Antonia am 07.05.1770 schließlich ihre neue Heimat und wurde am Portal des Straßburger Münsters vom Bischofs-Koadjutor, dem Prinzen Louis de Rohan, empfangen.

Ankunft der Dauphine in Straßburg am 07.05.1770 

Rohan begrüßte die Thronfolgerin feierlich mit allen Ehren und größter Anerkennung - zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, dass die unglückliche Verehrung, die Louis de Rohan zeit seines Lebens Maria Antonia entgegen brachte, diese in weniger als 20 Jahren ins Verderben stürzen würde...

Ein großes Festmahl, ein Abend im französischen Theater und ein mitternächtlicher Ball des Marschalls von Contades im Theatersaal folgten.

Am 08.05.1770 besuchte Maria Antonia in der Kathedrale von Straßburg die Große Messe; anschließend fand im bischöflichen Palais ein Konzert zu Ehren des besonderen Gastes statt.

08./09.05.1770... Saverne

Noch am selben Tag reiste der Brautzug von Straßburg aus weiter und kam gegen 19:00 Uhr in Saverne an.
Hier wurde Maria Antonia im Schloss empfangen und nahm am nachfolgenden Ball teil. Bis 21:00 Uhr tanzte sie auf dem Ball und genoss danach gemeinsam mit ihrem österreichischen Gefolge das nächtliche Feuerwerk.

Am Folgetag verabschiedete sich Maria Antonia nach dem Frühstück und der Messe von der österreichischen Delegation.

Über Lunéville ging es weiter nach Nancy.

09./10.05.1770... Nancy

In Nancy übernachtete die Erzherzogin im Hôtel der Regierung.
Am Morgen des 10. Mai gab es einen großen Empfang, gefolgt vom Diner und dem Besuch der Grabstätte des Hauses Lothringen, aus dem auch ihr Vater entstammte.

Anschließend setzte sich der Brautzug fort und fuhr über Commercy nach Bar-le-Duc.

10./11.05.1770... Bar-le-Duc

In Bar übernachtete Maria Antonia vom 10. auf dem 11. Mai.
Dann begab sich die Reisetruppe weiter nach Châlons.

11./12.05.1770... Châlons-sur-Marne

Hier stieg Maria Antonia im Intendanturhôtel ab.
Die Schauspieler der drei großen Pariser Theater waren extra nach Châlons gereist, um in Anwesenheit der Erzherzogin La partie de chasse de Henri IV sowie das Lustspiel Lucile zu spielen.
Beendet wurde der Tag mit einem Feuerwerk und dem anschließenden Souper.

Am Morgen des 12. Mai fuhr der Brautzug über Reims weiter nach Soissons.

12.-14.05.1770... Soissons

Angekommen in Soissons, wurde Maria Antonia vom dortigen Bischof empfangen und bezog dann ihre Gemächer im Palast. In Soissons war ein Aufenthalt bis zum Morgen des 14. Mai geplant.
Nach dem Souper wurde zu Ehren der Erzherzogin ein Feuerwerk veranstaltet.

Am 13. Mai nahm Maria Antonia am Abendmahl in der bischöflichen Kapelle zu Soissons teil und empfing anschließend die Geschenke der Stadt und der Behörden.
Am Nachmittag wohnte sie dem Te Deum in der Kathedrale bei.

Am Morgen des 14.05.1770 reiste der Brautzug ab und begab sich nach Compiègne, wo sie endlich auf die königliche Familie treffen sollte.
Der König war bereits am Sonntag, den 13. Mai nach der Messe in Begleitung des Dauphins sowie seiner Töchter
 Adélaïde, Victoire und Sophie von Versailles abgereist. In La Muette übernachtete Louis XV. und fuhr am 14. Mai Richtung Compiègne weiter.
Er hatte die Dauphine bereits in Châlons durch seinen Vertreter, Marquis de Chauvelin, und in Soissons durch seinen ersten Kavalier, den Duc d'Aumont, begrüßen lassen.

14./15.05.1770... Compiègne

Die letzten Tage waren aufregend und ermüdend zugleich. In jeder Stadt, in jedem Dorf wurde Maria Antonia euphorisch begrüßt, ließ sich hochleben und beschenken. Begeistert stellten die Bewohner jedes Ortes fest, wie schön, liebreizend und freundlich ihre neue Thronfolgerin war. Für jeden hatte Maria Antonia ein Lächeln übrig, ihre Wagenfenster waren durchgehend herabgelassen, da sie allen winken wollte. Ihren Dank bezeugte sie stets, verschenkte höfliche Worte und grüßte herzlich.

Kurz vor Compiègne wurde die Erzherzogin vom Herzog von Choiseul herzlich begrüßt.

Gegen 15:00 Uhr traf Maria Antonia endlich am Rande des Waldes von Compiègne ein. An der Brücke von Berne wurde sie von König Louis XV., dem Dauphin, den königlichen Prinzessinnen und einigen Würdenträger gespannt erwartet.

Der König lief voller Vorfreude auf die ankommende Kutsche der Dauphine zu. Als Maria Antonia dies bemerkte, hüpfte sie flink aus dem Wagen und warf sich voller Grazie seiner Majestät zu Füßen.
Gerührt hob Louis XV. sie daraufhin auf und begrüßte und küsste sie mit väterlicher Güte und stellte sie dann ihrer neuen Familie vor.
Nun traf Maria Antonia erstmals auf ihren Bräutigam, den französischen Thronfolger Louis Auguste de Berry. Der Dauphin war jedoch derart verlegen und schüchtern, dass sein Großvater ihn mehrfach ermahnen musste, seine junge Braut zur Begrüßung zu küssen.
Dem Befehl folgte Louis-Auguste schließlich; unbeholfen umarmte er Maria Antonia und küsste sie auf die rechte Wange.

Nach den ersten Begrüßungen im Wald, begab man sich nun ins Schloss von Compiègne. Louis XV. und der Dauphin führten Maria Antonia an der Hand in ihre Gemächer und stellten ihr hier die restliche Gefolgschaft vor: den Duc d'Orléans, den Duc und die Duchesse de Chartres, den Prince de Condé, den Duc und die Duchesse de Bourbon, den Prince de Conti, den Comte und die Comtesse de La Marche sowie den Duc de Penthièvre und dessen Schwiegertochter, die Princesse de Lamballe.

Am 15.05.1770 brach man auf nach Saint-Denis, einem nördlichen Vorort von Paris. Im dortigen Karmelitinnenkloster lebte Madame Louise, eine Tante von Louis-Auguste, die sich für ein Leben als Nonne entschieden hatte.

15.05.1770... La Muette (Paris)

Von Saint-Denis aus ging es noch am selben Tag weiter; man erreichte gegen 19:00 Uhr das Château de La Muette, wo ihr der König einen prachvollen Diamantenschmuck schenkte.
Beim Souper begegnete Maria Antonia erstmals auch Madame du Barry, der Mätresse des Königs. Es ist davon auszugehen, dass ihr in diesem Moment noch nicht bekannt war, wer Madame du Barry war.
Sie verhielt sich ihr gegenüber jedenfalls höflich und antwortete später auf die Frage einiger Neugieriger, wie sie die du Barry empfunden habe, mit: "Reizend."

16.05.1770... Saint-Cloud

Am Mittwoch, den 16.05.1770, brach Maria Antonia von La Muette auf nach Versailles.
Bei einem Zwischenstopp in Saint-Cloud, lernte sie in dessen Kloster die beiden jüngeren Schwestern des Bräutigams,
 Madame Clotilde und Madame Élisabeth, kennen.

16.05.1770... Versailles - Ziel der Reise

Am Vormittag erreichte der Brautzug endlich sein Ziel: das Château de Versailles, Regierungssitz des französischen Königs Louis XV. und Mittelpunkt des höfischen Lebens.

Ankunft der Dauphin in Versailles

König Louis XV. und der Dauphin hatten bereits in der Nacht um 2:00 Uhr La Muette verlassen, um die Dauphine in Versailles gebührend empfangen zu können.
Gleich nach Maria Antonias Ankunft unterhielt sich der König eine Weile mit ihr und stellte ihr dann den Grafen von Clermont sowie die Prinzessin von Conti vor.

Gegen 13:00 Uhr begab sich die Dauphine in die Gemächer des Königs, von wo aus der feierliche Zug in die Kapelle stattfand...


"Dauphine von Frankreich"


 


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