2-3 Familie

Kapitel 2.3
Die neue Familie



König Louis XV. war sehr zufrieden mit dieser raffinierten Heirat.
Doch ein Ausruhen wurde ihm nicht gegönnt... zu kompliziert entwickelten sich die Dinge in der Ehe des Dauphins, zumal der junge Mann keinerlei Anstalten machte, die Ehe tatsächlich zu vollziehen.
Antoinette erhielt alle möglichen Ratschläge von ihrer Mutter und dem Botschafter, dem Dauphin zum Gefallen zu sein, sich ihm zu nähern. Mit Sicherheit fühlte sie sich dadurch überfordert und Louis Auguste selbst schien von seiner hübschen Braut wahrlich eingeschüchtert.
Zwar lobte er ihren Anmut stets und gestand seine ehrliche Liebe, doch zum Vollzug der Ehe fühlte er sich noch nicht bereit. Die beiden standen sich wohl selbst im Weg, waren sich zwar zugetan, doch lastete ein enormer Druck von außen auf ihnen. Der gesamte Hofstaat wusste über den Zustand der Ehe bescheid.

Marie Antoinette lebte sich rasch in Versailles ein. Sie mochte die Familie ihres Gatten.
Ihrem Schwager, den Comte de Provence (später König 
Louis XVIII. von Frankreich), war sie freundlich zugewandt, konnte allerdings keine geschwisterliche Zuneigung für ihn empfinden. Zu plump sei er gewesen und insgeheim ahnte sie seine Falschheit ihr und dem Dauphin gegenüber.
Ihren zweiten Schwager, den Comte d'Artois (später König 
Charles X. von Frankreich), hingegen mochte sie sehr gern. Er war ein Lebemann und für jeden Spaß und jede Zerstreuung zu haben.

Comte de Provence (1755-1824); ab 1814 als Louis XVIII. König von Frankreich Comte d´Artois (1757-1836); ab 1824 als Charles X. König von Frankreich

Mit den beiden Schwestern ihres Gatten - Madame Clotilde und Madame Elisabeth - konnte die Dauphine allerdings nicht viel anfangen. Beide waren noch viel zu jung, als dass sie das Interesse Marie Antoinettes geweckt hätten. Madame Elisabeth wurde später jedoch zu einer der wichtigsten Vertrauten des Königspaares.

Mme Elisabeth (1770, François-Hubert Drouais)

Den König selbst verzauberte die Dauphine von Beginn an, so dass er ihr nahezu alles gestattete, was sie sich wünschte. Marie Antoinette nannte ihn liebevoll Papa Roi. In ihrer Gegenwart spürte der alternde König die verlorene Jugend, die Frische und die Herzlichkeit. Er blühte förmlich auf, sobald die Dauphine in seiner Nähe war. Für sie verließ er gar den Palast und zeigte ihr höchstpersönlich auf ausgedehnten Spaziergängen den Versailler Schlossgarten.
Bei einem dieser Spaziergänge bemerkte er, dass der Schlosspark nicht mehr in dem makellosen Zustand war, den er kannte, als er der Dauphine über einen Steinhaufen half:
"Verzeihen Sie mir, meine Tochter. Zu meiner Zeit gab es hier eine Marmortreppe. Ich weiß nicht, was man daraus gemacht hat."

Zudem verstand sich Antoinette prächtig mit den Tanten ihres Gemahls, den Töchtern des Königs: die tonangebende Madame Adélaïde, die "gute, dicke" Madame Victoire und die zurückhaltende Madame Sophie.

´Mesdames de France´ - Mme Victoire, Mme Adélaide & Mme Sophie, die Töchter des Königs - von Marie Antoinette ´die Tanten´genannt (François-Hubert Drouais)

Madame Louise, die vierte Tante, lernte Marie Antoinette nicht mehr bei Hofe kennen. Louise hatte sich für den geistlichen Weg entschieden.
Am 10.09.1770 nahm die Dauphine an der prächtigen Zeremonie teil, bei der Madame Louise zur Novizin wurde und fortan den Namen Schwester Marie-Thérèse de Saint-Augustin trug.
Marie Antoinette durfte ihr bei der Zeremonie den Umhang, den Schleier und die Schulterbinde anlegen und war tief beeindruckt von dem ganzen Geschehen.

Bei den drei Tanten Adélaïde, Victoire und Sophie fühlte sich die Dauphine heimisch und da sie wusste, dass ihr Gemahl seine Tanten liebt und diese ihm die Mutter ersetzten, hoffte Marie Antoinette insgeheim, durch die Freundschaft zu den Tanten auch die Freundschaft und das Vertrauen des Dauphins zu gewinnen.

Und so verbrachte Marie Antoinette den Tag hauptsächlich bei den Mesdames.
Sie bestätigte dies auch in einem Brief an ihre Mutter vom 12.07.1770, in der sie über ihren gewohnten Tagesablauf bei Hofe berichtet:

Nach dem Aufstehen, zwischen 9:00 und 10:00 Uhr, folgten das Ankleiden und das Morgengebet.
Nach dem Frühstück besuchte die Dauphine bis etwa 10:30 Uhr die Mesdames - in der Regel war auch der König anwesend.
Es folgte gegen 11:00 Uhr das Frisieren.
Noch vor 12:00 Uhr fand das Lever statt (Waschen, Schminken, Ankleiden vor dem Hofstaat).
Um 12:00 Uhr begab man sich zur Messe in die königliche Kapelle.
Nach der Messe folgte das öffentliche Mittagessen, gemeinsam mit dem Dauphin, bis etwa 13:30 Uhr.
Danach verbrachte sie einige Zeit beim Dauphin, beschäftigte sich mit Lesen, Schreiben oder Nähen; im Anschluss bis 15:00 Uhr gemeinsames Beisammensein mit dem König bei den Mesdames.
Um 16:00 Uhr begann der Unterricht beim Abbé de Vermond; um 17:00 Uhr folgte die Klavierstunde und um 18:00 Uhr der Gesangsunterricht.
Gegen 18:30 Uhr besuchte Marie Antoinette entweder erneut die Mesdames oder begab sich auf einen Spaziergang.
Zwischen 19:00 und 21:00 Uhr fanden Unterhaltung und Spiel oder ein Spaziergang statt.
Um 21:00 Uhr folgte das Soupé.
Entweder ging die Dauphine danach gegen 23:00 Uhr zu Bett oder sie hielt sich nocheinmal bei den Mesdames auf. Hier schlief die Dauphine ein wenig auf dem Kanapée, um auf der König zu warten, der dort gegen 22:45 Uhr erschien.

Die häufigen Aufenthalte bei den Mesdames nutzte die Dauphine, um in der Nähe ihres Gatten zu sein.




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