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Kapitel 8.2
Le Roi à Paris !



Nach dem Bastillesturm hatten sich der Hof und die Königsfamilie wieder dem Alltag gewidmet, in der Hoffnung, die Revolution in bewehrter Zurückgezogenheit unbehelligt überdauern zu können.

Am Nachmittag des 5. Oktobers 1789 hielt sich Marie Antoinette im Park des Petit Trianon auf. Wegen der Hitze des Tages verweilte sie in der kühlen Grotte nahe dem Belvédère.
Der König befand sich bei der Jagd. Er erlegte an diesem Tag 81 Tiere; doch wurde die erfolgreiche Jagd plötzlich unterbrochen.
Gegen 15 Uhr übermittelte ein Bote dem König eine Nachricht des Innenministers Saint-Priest übermittelte: Das Pariser Volk befände sich auf dem Weg nach Versailles, um Brot zu fordern. Der König äußerte verzweifelt: "Wenn ich welches hätte, würde ich nicht warten, bis sie kommen und mich darum bitten."
Kurz darauf kam ein weiterer Bote, der sich dem König zu Füßen warf und ihn anflehte: "Sire, es sind nur Frauen. Ich bitte Eure Majestät, sich nicht zu fürchten." Der König antwortete dem Boten, dass er sich nie im Leben gefürchtet habe.
Die Jagd wurde also abgebrochen. Der König ritt umgehend zum Schloss zurück und rief sein Kabinett zusammen. Doch keinem der Ratschläge konnte er sich anschließen.

Madame Campan, die treue Kammerfrau der Königin, hatte an diesem 5. Oktober zwar keinen Dienst, erfuhr die Geschehnisse jedoch aus erster Hand: ihr Schwiegervater verweilte beim Königspaar und eine der beiden diensthabenden Kammerfrauen war ihre Schwester.
In ihren Memoiren berichtet Madame Campan, dass wegen der Unruhen in Paris und den Nachrichten über die nach Versailles maschierenden Pariser, augenblicklich die Flucht der Königsfamilie nach Rambouillet vorbereitet wurde. Ob es sich jedoch um eine Flucht an sich handelte, bezweifle ich. Der König selbst wies alle Fluchtempfehlungen von sich, überlegte jedoch, seine Familie vorübergehend in Rambouillet in Sicherheit zu bringen.
Ob nun Flucht oder nicht, der Comte de Saint-Priest hatte das Château de Rambouillet jedenfalls entsprechend vorbereitet und die Reisekutschen standen schon in Versailles zur Abfahrt bereit.
Dann traf jedoch die Nachricht ein, dass die anrückenden Massen teils "Es lebe der König!" riefen - der Fluchtplan wurde also verworfen, die Truppen abgezogen.
Die Jubelrufe waren allerdings rein zufällig. Die Pariser Frauen marschierten ja nach Versailles, um Brot zu verlangen. Zudem kursierten Gerüchte, dass die Königsfamilie fliehen wolle. Als die Frauen jedoch des Königs "günstige Antwort" erhielten (wahrscheinlich, dass er ihnen Brot gibt), jubelten sie entsprechend.
Danach kehrte der aufgehetzte Hass schnell zurück, doch die Fluchtmöglichkeit war verpasst.
Der Hass von diesem Tag war überhaupt ausschließlich gegen die Königin gerichtet. Man wolle aus ihren Eingeweiden Kokarden basteln...

Gegen 17 Uhr erreichten die ersten Frauen Versailles, denen sich zwischenzeitlich einige Männer angeschlossen haben. Binnen kürzester Zeit waren es 7.000 Menschen, betrunken, bewaffnet und mit dem festen Willen, die Königin in Stücke zu reißen.
Während 12 Frauen zum König vorgelassen wurden, um friedlich Brot einzufordern, dass er ihnen bereitwillig zusagte, wurde draußen die Meute durch gezielt gestreute Gerüchte angeheizt: die Königin und die Aristokraten würden das Brot zurückhalten und der König sei machtlos.
Die Situation schien um 21 Uhr zu eskalieren, als sich die Nationalgarde von Versailles mit der Leibgarde des Königs anlegte. Versailles befand sich inzwischen im Belagerungszustand. Der König hatte zwar seiner Leibgarde verboten, von den Waffen Gebrauch zu machen, dennoch gelang es den Gardisten, die Meute einigermaßen im Zaum zu halten.
Endlich traf General de La Fayette mit den 20.000 Männern der Pariser Nationalgarde in Versailles ein und sorgte für einigermaßen Ruhe.

Sich unter dem Schutze von La Fayette und der Pariser Nationalgarde wissend, gingen Louis XVI. und Marie Antoinette 2 Uhr nachts zu Bett.
Die Königin befahl ihren beiden Kammerfrauen, darunter Madame Campans Schwester, ebenfalls zu Bett zu gehen, da man für diese Nacht nichts mehr befürchten müsse - wie La Fayette versicherte.
Die beiden Kammerfrauen sorgten sich jedoch zu sehr um das Wohl der Königin und missachteten daher deren Befehl.
Stattdessen holten sie ihre eigenen Kammerfrauen zu sich und setzten sich zu viert wachend vor das Schlafgemach der Königin.

Am frühen Morgen des 6. Oktobers 1789 brach draußen im Hof der Schutzwall der Leibgardisten schließlich zusammen. Der fehlende Schießbefehl ermöglichte es den Aufständischen, die Sperrungen zu überwinden. Einigen Frauen gelang es, durch ein sonst stets geschlossenes, doch diesmal nicht richtig gesichertes Tor in den Palast einzudringen. Sie töteten zwei Wachen und riefen: "Tod der Hure !" Auf ihrem Weg zum Schlafgemach Marie Antoinettes ermordete die Meute jeden, der sich ihnen in den Weg stellte.

Gegen 4:30 Uhr hörten die Kammerfrauen der Königinnen das laute Geschrei und die Schüsse im Schloss. Während eine von ihnen zu Marie Antoinette ins Schlafzimmer eilte, ging Madame Campans Schwester in Richtung der Schreie, um nachzusehen.
Als sie die Tür des Vorzimmers öffnete und in den Gardesaal schaute, sah sie Monsieur Miomandre, den diensthabenden Offizier der Leibgarde, wie er mit seiner Flinte und aller Kraft versuchte, die Tür des Gardesaals zu halten, da dort eine mordende Menschenmasse einzudringen versuchte. Der Gardist selbst war bereits blutverschmiert. Er drehte sich zu Madame Campans Schwester um und schrie ihr zu: "Madame, retten Sie die Königin, man will sie ermorden!"
Die Kammerfrau verschloss daher augenblicklich die Tür zum Gardesaal sowie die darauffolgende Türen bis zum Schlafzimmer der Königin.
Hier rief sie der Königin zu, sie müsse aufstehen und solle sich nicht ankleiden, sondern sich umgehend ins Zimmer des Königs retten.
Marie Antoinette verließ erschrocken ihr Bett. Man warf ihr ein Hemd und einen Unterrock über, ohne ihn festzuknüpfen, und führte die halbnackte Königin, die Strümpfe in der Hand, durch die Geheimtür hinaus aus dem Schlafgemach.
Im Ankleidezimmer kam es zu Komplikationen, da die Tür, die sonst immer nur von innen verschlossen war, an diesem Tag plötzlich auch von außen verriegelt war. Man klopfte panisch an die Tür. Der Bedienstete eines königlichen Kammerdieners kam schließlich herbei und öffnete der Königin.

Als man im Appartement des König ankam, war dieses leer. Der König war in der Zwischenzeit um das Leben seiner Gattin besorgt und eilte über die Treppen und Korridore unterhalb des "Oeil de Boeuf" hinab, ins Zimmer der Königin. Dort traf er jedoch nur noch auf die Leibgardisten, die sich vor der Menschenmasse ins Schlafgemach der Königin geflüchtet hatten.
Hier schildert Madame Campan, dass immer berichtet wurde, der Pöbel sei bis ins Schlafgemach der Königin vorgedrungen und habe deren Bett verwüstet.
Das stimme jedoch nicht, denn der König selbst habe dort nachgeschaut und nur seine Leibgardisten vorgefunden. Die Menge sei gar nicht bis dorthin vorgedrungen. Die im Gemach befindlichen Gardisten wären zudem umgekommen, wenn der Pöbel das Zimmer betreten hätte.
Es heißt, General La Fayette habe die Meute relativ schnell wieder aus dem Schloss drängen können; daher könnte Madame Campans Aussage durchaus stimmen.

Nachdem sich also Louis XVI. und Marie Antoinette verpasst hatten, führte Madame de Tourzel die Königin und den Dauphin zum König. Hier traf schließlich die ganze Familie wieder zusammen.
Leider berichtet Madame Campan nicht, wie genau die Kinder zum Königspaar gebracht wurden.

Im Marmorhof hatte sich inzwischen die ganze Meute versammelt und verlangte nach dem König. Als sich dieser auf dem Balkon zeigte, rief die Menge: "Die Königin ! Die Königin !" Marie Antoinette erschien daraufhin in ihrem gelb-gestreiften Morgenrock und unfrisiert mit ihren beiden Kindern auf dem Balkon, worauf die Menge kreischte: "Keine Kinder ! Keine Kinder !"
Marie Antoinette schickte also ihre Kinder eilig wieder hinein und verhaarte zwei Minuten lang allein auf dem Balkon, während sämtliche Waffen auf sie gerichtet wurden.
Dass die Situation hätte eskalieren können, war sicherlich jedem bewusst. Das Schlimmste war zu befürchten. Doch da die Königin nicht zurückwich, sondern mutig ihren Feinden entgegentrat, schlug die Stimmung plötzlich um und die Meute jubelte ihr begeistert zu: "Lang lebe die Königin !"
Im nächsten Moment erklang ein Schrei: "Der König nach Paris !"
Sofort nahm die Meute den Spruch auf und forderte den König auf, nach Paris zu kommen. Der König in ihrer Stadt wäre ihre Garantie für das tägliche Brot.

Louis XVI. zog sich nun zurück, um mit La Fayette und seinen Ministern das weitere Vorgehen zu besprechen. La Fayette stimmte Marie Antoinette zu, als diese ihrem Gemahl vorwarf: "Solange noch Möglichkeiten bestanden, aufzubrechen, habt Ihr Euch nicht entschließen können, nunmehr sind wir Gefangene !"
Der General schlug vor, dass die Königsfamilie dem Wunsch der Pariser zufolge, gemeinsam mit dem Volk nach Paris zurückkehrt. Der König beugte sich schließlich dem Willen des Volkes. Auf dem Balkon kündigte er seinen Untertanen so dann die Abreise nach Paris an: "Meine Freunde, gemeinsam mit meiner Gemahlin und meinen Kindern werde ich nach Paris gehen. Das, was mir das Wertvollste ist, vertraue ich der Liebe meiner wohlmeinenden, treuen Untertanen an."
Es folgten euphorische Hochrufe auf den König und sogar auf die Königin.

Madame Campan und ihr Schwiegervater wurden am Morgen des 6. Oktober von der Königin nach Versailles berufen, mit dem Auftrag, die kostbarsten Gegenstände in Verwahrung zu nehmen. Die Königin selbst nahm nur ihr Diamantenkästchen mit sich.
Kurz vor der Abreise sprach die Königin allein mit ihrer Kammerfrau. Sie bat diese, so schnell wie möglich auch nach Paris zu ziehen, denn sie brauche sie in ihrer Nähe. Marie Antoinette versprach Madame Campan, ihr in den Tuilerien eine Wohnung vorbereiten zu lassen. Die Königin schloss das Gespräch mit den Worten:
"Wir sind verloren und werden vielleicht zum Tode geführt; gefangene Könige sind stets nahe daran."

Gegen 13:25 begab sich der König über eine Nebentreppe zu seiner wartenden Kutsche - die Haupttreppe war noch blutverschmiert und damit unpassierbar für die Königsfamilie.
Bevor er in die Kutsche stieg, wandte sich der König wehmütig an seinen vertrauenswürdigen Offizier Comte de Gouvernet: "Sie übernehmen hier. Versuchen Sie, mir mein armes Versailles zu bewahren."

Madame Campan, die vorerst weiter in Versailles wohnte, befand sie sich nicht mit in der Kutsche der Königsfamilie. Sie berichtet jedoch, dass folgende Personen in der königlichen Kutsche saßen:
Louis XVI., Marie Antoinette, Louis-Charles, Madame Royale, der Comte de Provence und die Comtesse de Provence, Madame Elisabeth und Madame de Tourzel.
In den darauffolgenden Kutschen befanden sich zudem:
Die Princesse de Chimay, die diensthabenden Palastdamen, das Gefolge des Königs und die Dienerschaft. Es folgten hunderte von Wagen mit Deputierten und das Pariser Volk schloss den Zug.
Die Fischweiber selbst befanden sich in Höhe der Königskutsche. Während der Fahrt nach Paris warfen die Fischweiber der Königin die schlimmsten Beschimpfungen entgegen. Der kleine Dauphin, Louis Charles, ertrug diese Schmähungen gegen seine Mutter nicht. Er begab sich zum Wagenfenster, faltete ängstlich und flehend die Hände und bat die Frauen um Gnade für seine Mutter:
"Grâce pour Maman !"

In einigen Biografien, aber auch in seinem Revolutionstagebuch heißt es, dass sich der Graf von Fersen ebenfalls im Geleit der Königsfamilie befand. Wenige Tage später, am 09.10.1789, schrieb er an seinen Vater, dass er in einer der Kutschen, die dem König folgten, nach Paris zurückkehrte. Sechseinhalb Stunden habe die Fahrt gedauert, schrieb der Graf, und er bete zu Gott, so etwas wie diese beiden Tage niemals wieder mitansehen zu müssen. Die Menschen erfreuten sich beim Anblick des Königs und dessen Familie. Auch der Königin wurde applaudiert. Es wundere ihn nicht, denn wer sie kennt, der weiß um ihren Gerechtigkeitssinn und um ihre Liebe im Herzen.




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