Willkommen

Kapitel 9.2
Die Flucht nach Varennes



Den Memoiren der Madame de Tourzel verdanken wir heute die Details der Flucht und ihres Verlaufs.
Die Flucht war gespickt von kleinen, aber nicht unbedeutenden Zwischenfällen. Die eigentliche Abreise aus Paris war ursprünglich für den 12. Juni 1791 vorgesehen, wurde jedoch zunächst auf den 15. Juni verschoben und letztlich auf den Montag, 20. Juni 1791.


Montag, 20. Juni 1791

Marie Antoinette und ihre Kinder gaben sich die Tage vorher große Mühe, keinen Verdacht zu erregen; noch am Abend der Abreise waren sie im Tuilerien-Garten spazieren gegangen. Die Königin gab anschließend Anweisungen für eine kleine Ausfahrt am 21. Juni und zog sich dann in ihre Gemächer zurück.
Dort verkleidete sich die Königsfamilie entsprechend ihrer Rollen in der Reisegesellschaft - dem Thronfolger wurden Mädchenkleider angezogen, da er eine der Töchter der Baronin Korff spielen sollte.

Gegen 22:30 Uhr verließen Madame Brunier und Madame Neuville, die beiden Ersten Damen der Madame Royale und des Dauphins die Tuilerien und begaben sich nach Claye-Souilly, wo sie sich später der königlichen Kutsche anschließen sollten.

Zur gleichen Zeit bezogen 180 Dragoner unter dem Kommando von Colonel de Damas in Clermont-en-Argonne und in einem Dorf nahe Auzéville-en-Argonne Quartier. Ebenso wurden 40 Husaren unter dem Kommando von Leutnant Boudet in Sainte-Menehould stationiert.
Sie sollten sich am Folgetag in Pont-de-Somme-Vesle, dem nächsten Zwischenstopp der Reisegesellschaft nach Châlons-en-Champagne, dem Königspaar anschließen.

Graf von Fersen verließ um 22:50 Uhr gemeinsam mit den Königskindern und deren Gouvernante Madame de Tourzel die Tuilerien, um zum Schein eine abendliche Kutschfahrt zu veranstalten. Er lenkte die kleine Kutsche um den Louvre herum, an den Kais vorbei und positionierte diese anschließend in der Rue de l'Echelle, seitlich dem Louvre, an einem Personalausgang, um dort auf das Königspaar und Madame Elisabeth zu warten.
Madame Elisabeth erschien alsbald gemeinsam mit einem der drei Leibgardisten, die die Reisegesellschaft begleiteten.

Als Marie Antoinette und Louis XVI vorgaben, nach dem üblichen Zeremoniell zu Bett zu gehen, kündigten sich um 23:30 Uhr unerwartet der General Lafayette und der Bürgermeister Bailly zu einer Abendaudienz in den Tuilerien an.
Dadurch konnte das Königspaar nicht zum vereinbarten Zeitpunkt den Palast verlassen.


Dienstag, 21. Juni 1791

Kurz nach Mitternacht, gegen 00:10 Uhr, verließ der als Kammerdiener verkleidete König endlich den Palast und erreichte die kleine Kutsche in der Rue de l'Echelle. Nun fehlte nur noch die Königin.
Diese 
stieß schließlich gegen 0:35 Uhr zur Reisegesellschaft dazu, so dass die Flucht beginnen konnte.

 

Außerhalb von Paris wartete schließlich der eigentliche Reisewagen auf die Königsfamilie - eine geräumige, sechsspännige Kutsche, die jedoch weit auffälliger war. Es war gerade 1:50 Uhr und der Zeitplan war bereits um 1½ Stunden verzögert. Um keine weiteren Verzögerungen zu riskieren, entschied sich Graf von Fersen, die Kutsche selbst zu lenken.

Nach dem Umstieg in den Reisewagen fand um 2:30 Uhr ein Stopp zum ersten Pferdewechsel in Bondy, nicht weit von Paris entfernt, statt. Hier verabschiedete sich das Königspaar von Graf von Fersen. Der König wollte den treuen Helfer lieber in Sicherheit wissen und entließ ihn aus seinen Diensten. Dank dem Engagement des Grafen war eine erste große Hürde geschafft: die Königsfamilie konnte unbemerkt aus dem gut bewachten Paris fliehen.
Von Fersens Plan sah nun weiter vor, dass die Königliche Familie an diversen Zwischenstopps von treuen Royalisten mit neuen Pferden ausgestattet würden. Ohne weitere Zeitverzögerungen dürfte der Rettung nichts mehr im Wege stehen.
Und so verließ von Fersen seine Schützlinge. Während diese weiter Richtung Osten fuhren, brach der Graf nach Norden in Richtung Mons in Belgien auf.

Gegen 4 Uhr stieß bei Claye-Souilly die kleine Kutsche der beiden Mesdames Brunier und Neuville wie geplant zur Reisegesellschaft hinzu.

Inzwischen hatte der Kammerdiener des Königs gegen 7 Uhr morgens bemerkt, dass sich dieser nicht in seinen Gemächern in den Tuilerien aufhält.

Zu etwa derselben Zeit verließ der Comte de Provence gemeinsam mit dem befreundeten Monsieur d’Avaray die Stadt Paris. Problemlos gelang den beiden die Flucht über Maubeuge und Avesnes-sur-Helpe bis ins belgische Mons.
Hier vereinte sich der Prinz  mit einer Gruppe französischer Exilanten. Tags darauf, am 22. Juni, erreichte auch der Graf von Fersen Mons. Man erwartete ihn dort bereits im Gasthaus "La Femme Sauvage". Seine Ankunft wurde bejubelt, denn man sah die Königliche Flucht als geglückt an.
Diese verlief währenddessen jedoch alles andere als glücklich...

Gegen 8 Uhr morgens verbreitete sich in Paris bereits die Nachricht von der Flucht des Königs wie ein Lauffeuer. Die Nationalversammlung entschied sich jedoch dafür, nicht die Flucht, sondern die "Entführung" des Königs bekanntzugeben.

In ihren Memoiren beschrieb Madame de Tourzel, dass der König schon am Morgen auf seine Uhr geschaut hatte und scherzend meinte: "Lafayette fühlt sich jetzt gar nicht wohl in seiner Haut."

Gegen 10 Uhr bezogen 60 Husaren des Lauzun-Regiments unter dem Kommando von Leutnant Röhrig im Franziskaner-Kloster in Varennes-en-Argonnex Quartier. 100 weitere Husaren unter dem Kommando von Major Deslon bezogen in Dun-sur-Meuse, ca. 24 km von Varennes entfernt, ihren Posten. Und auch die 40 Husaren von Monsieur Boudet, die die Königsfamilie in Pont-de-Somme-Ves, hinter Châlons, in Empfang nehmen sollten, hielten sich bereit.

Währenddessen erreichte die Königskutsche Vieil maisons. Hier erkannte der Gastwirt François Picard den König und informierte die naheliegenden Postämter und Stallknechte.

Die Königskutsche erreichte um 11 Uhr Montmirail. Vom ursprünglichen Zeitplan war die Königsfamilie jetzt schon um die drei Stunden entfernt.

Lafayette entsendete zu dieser Zeit aus Paris Kuriere in alle Himmelsrichtungen, um die Königsfamilie einzuholen.
In Sainte-Menehould und Clermont-en-Argonne sorgten sich die Bewohner währenddessen wegen der Ankunft der Husaren.

In Chaintrix erkannte der ortsansässige Postmeister den König bei dessen Stopp um 14:30 Uhr.
Mir ist jedoch leider nicht bekannt, ob der Postmeister etwas unternahm.

Beim Verlassen von Chaintrix stürzten die Pferde der Reisekusche - es ist das zweite Mal. Dabei rissen die Zügel; die Reparatur dauerte länger als eine Stunde.

Von Briges (bei Chaintrix) begab sich gegen 16 Uhr ein Husar auf den Weg zum König, um sich diesem anzuschließen.

Zu gleichen Zeit erreichte die Kutsche über die Avenue de Paris die Stadt Châlons-en-Champagne. Sie überquerte die Marne und nahm die Rue de Marne.
Mit einer vierstündigen Verspätung passierte die Reisegesellschaft das Postamt in der Rue Saint Jacques (heute die Rue Léon Bourgeois).
Anschließend nahm die Kutsche die Weiterfahrt Richtung Sainte-Menehould auf.

Inzwischen wurden die Husaren des Lauzun-Regimentes in Pont-de-Somme-Vesle, kurz hinter Châlons, unruhig. Noch immer warteten sie auf die Königskutsche. Die erheblich verzögerte Abreise, die Dauer der Reparatur der Kutsche, aber auch die nicht einberechnete Schwere der großen Reisekutsche, die weit langsamer fuhr als erwünscht, sorgten für großes Unbehagen innerhalb der Truppen. Ihre Anwesenheit hatte zudem für skeptische Blicke in der dortigen Bevölkerung gesorgt.
Da man befürchten musste, dass die umliegenden Dörfer Alarm schlagen, ordnete der junge Herzog Claude-Antoine-Gabriel de Choiseul den Rückzug an. Die Soldaten sollten die Wege meiden und sich über die Felder nach Varennes begeben.
Die Königsfamilie war nun völlig auf sich allein gestellt.

Bayon, ein Bote des Generals, erreichte Briges gegen 17 Uhr. Er war 6 ½ Stunden ohne Pause geritten. Nun musste er vor Erschöpfung pausieren. Gegen 19:45 Uhr verließ der Bote Briges wieder. Er hatte inzwischen einen Postjungen aus Lagny mit der Nachricht über die Königsflucht nach Sainte-Menehould entsendet.

Es war kurz vor 20 Uhr, als die kleine Kutsche der Mesdames Brunier und Neuville und die Reisekutsche der Königsfamilie den Ort Sainte-Menehould zu einem weiteren Pferdewechsel erreichten. Hier wendete sich schließlich das Blatt:
Der König schien die Gefahr vergessen zu haben, als er sich während eines Gespräch mit seinem Leibgardisten vor dem Posthaus unvorsichtig aus dem Wagenfenster lehnte. Der ortsansässige Postmeister Jean-Baptiste Drouet, der gerade vom Feld zurückkam, meinte, den König erkannt zu haben. Drouet hatte sich einige Zeit in Versailles aufgehalten und der Legende nach habe das Gesicht des "Kammerdieners" der Reisegesellschaft einem Bildnis des Königs geglichen.
Doch war er sich nicht recht sicher und so riet ihm seine Frau, diesen Verdacht nicht zu äußern.

 
Drouet fällt die Ähnlichkeit des "Kammerdieners"
mit dem Bildnis des Königs auf

 
Jean Baptiste Drouet

In seiner Zeugenaussage vor der Nationalversammlung wird Drouet am 24. Juni 1791 behaupten, dass er meinte, erst die Königin wiedererkannt zu haben und schließlich auch den Mann, der links in der Kutsche saß - der König.

Die beiden Kutschen verließen Sainte-Menehould unbehelligt um 20:10 Uhr und reisten weiter in Richtung Clermont-en-Argonne. Dort sollten sie auf die Dragoner-Truppe des Comte de Damas treffen. Die Dragoner hatten sich jedoch zwischenzeitlich mit der Bevölkerung vereinigt, lehnten daher die Anordnungen von Damas ab und ließen die Reisegesellschaft alleine weiterziehen.
Damas, der um ein Gespräch mit dem König bat, erhielt von diesem die Bitte, die falsche Identität der Reisegruppe aufrecht zu erhalten und dieser daher nur aus sicherer Distanz zu folgen. Damas befolgte den Befehl, ihn begleiteten jedoch nur noch wenige Soldaten.

Die Königskutsche befand sich nun auf dem Weg nach Varennes-en-Argonne. Hier sollten die Pferde für die Weiterfahrt nach Verdun bereitstehen und einige Reiter als Eskorte.

Die Nachricht des Pariser Boten erreichte inzwischen gegen 21 Uhr den Postmeister Drouet in Sainte-Menehould, der sich nun in seiner Ahnung bestätigt sah. Gemeinsam mit seinem Freund Jean-Chrisosthome Guillaume ritt er augenblicklich los, durch den Wald von Argonne, vorbei am Dort Islettes in Richtung des benachbarten Varennes. Hier vermuteten sie die Königskutsche.

In Sainte-Menehould wurden die Dragoner von der Bevölkerung entwaffnet, ohne Gegenwehr zu leisten.

Die Kutsche der Königsfamilie stoppte gegen 22:50 Uhr zum nächsten Pferdewechsel kurz vor Varennes. Doch befanden sich weder die Reitereskorte noch die Tauschpferde an der vereinbarten Stelle. Und so sah sich der Kutscher gezwungen, in die Stadt weiterzufahren, um dort einen Pferdewechsel zu ermöglichen.
Die Reisegesellschaft klopfte in Varennes an der Tür des Monsieur de Préfontaines, doch auch diesem war nichts von einem Pferdewechsel bekannt. Man beschloss also, den Wechsel der Pferde an einem anderen Ort in Varennes zu vollziehen - auf der anderen Uferseite des Flusses Aire.

Drouet und sein Begleiter konnten zwischenzeitlich unbemerkt die Kutsche der Flüchtlinge überholen und informierten gegen 22:55 Uhr schleunigst den Stadtverwalter Jean-Baptiste Sauce über die Vorkommnisse. Man beeilte sich sodann, die Brücke Pont de l’Aire zu verbarrikadieren, über die die Kutsche beim Verlassen der Stadt fahren musste. Die Nationalgarde von Varennes wurde mobilisiert und deren Kommandant, der spätere Général Radet, ließ zwei Kanonen nahe der Brücke aufstellen...


 



zum MarieAntoinette-Forum


rechtlicher Hinweis:
Texte (Copyright) © MariaAntonia 2008-2017

Nach oben